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OLG Naumburg: Keine Mithaftung des Chirurgen bei Narkosefehler des Anästhesisten

Inhaltsverzeichnis

2. Der Beklagte zu 2) hat den fachärztlichen anästhesiologischen Standard weiter zumindest fahrlässig dadurch verletzt, dass er keine lückenlose intensive Überwachung des Klägers nach der Operation organisiert und sichergestellt hat. Ob dieser Behandlungsfehler hier als ein grober Behandlungsfehler zu bewerten ist, kann offen bleiben.

2.1. Nach den auch insoweit nachvollziehbaren, übereinstimmenden und sachlich überzeugenden Ausführungen der drei gerichtlichen Sachverständigen sowie des von der Krankenversicherung des Klägers beauftragten Sachverständigen Dr. med. T. besteht das besondere Risiko einer Opioidgabe u.a. gerade in ausgeprägten Atemdepressionen, dieses Risiko wurde hier durch die hohe Dosierung des Opioids erheblich erhöht und durch den Schlaf des Patienten nochmals verstärkt. Erfordert jede postoperative Überwachung ohnehin die sorgfältige Überwachung durch qualifiziertes Personal, so war hier gerade unter Berücksichtigung des Operationsverlaufs eine besonders sorgfältige Überwachung des Klägers nach der Operation notwendig (vgl. Privatgutachten Dr. med. T. vom 12. Februar 2002, S. 5 bis 8 = GA Bd. I Bl. 32 bis 33; Gutachten Dr. med. B. vom 21. Juni 2002, S. 28 = GA Bd. I Bl. 169 Rs.; Gutachten Dres. med. P. & Gi. vom 7. April 2003, S. 6 bis 9 und 11 f. = GA Bd. II Bl. 62 bis 68; Sitzungsprotokoll vom 2. Oktober 2003, S. 3 f. = GA Bd. II Bl. 133 f.; ebenso Gebrauchsinformation des Herstellers zu Rapifen ® = GA Bd. II Bl. 70). Jedenfalls angesichts der hier bestehenden besonderen Risiken war auch eine Verwendung eines Minimalmonitorings, zumindest auch eines Pulsoxymeters, erforderlich (vgl. ebenda, insbesondere o.a. Sitzungsprotokoll, S. 3 f. = GA Bd. II Bl. 133 f.). Ebenso war es nötig, den Kläger wach zu halten. Zutreffend haben alle Sachverständigen insoweit auch auf den Inhalt der Leitlinie der DGAI (Stand 11. Oktober 1997) hingewiesen, die eine Übertragung der postoperativen Überwachung an nichtärztliches Personal selbstverständlich eröffnet, aber eben nur an Personal mit entsprechender Ausbildung oder Erfahrung !

2.1.1. Unstreitig sind apparatgestützte Kontrollmessungen nicht durchgeführt worden. Die vom Beklagten zu 2) für diese Unterlassung angeführte Begründung – Minderjährige würden durch Kopfbewegungen häufig die Messfühler abstreifen und dadurch jeweils einen Fehlalarm auslösen – ist, wie der Sachverständige Dr. med. Gi. in seiner Anhörung vor der Kammer zutreffend angemerkt hat, völlig verfehlt. Angesichts der hohen Risiken eines längere Zeit unbemerkt bleibenden Atem- und Kreislaufstillstandes kann der Beklagte zu 2) mit seinem „Bequemlichkeitsargument“ kein Gehör finden.

2.1.2. Zur Überzeugung des Senats hat der Beklagte zu 2) den Kläger zudem unmittelbar nach der Operation im Wesentlichen unter die Aufsicht seiner Eltern, also medizinischer Laien, gestellt. Die postoperative Überwachung durch sein Personal hatte der Beklagte zu 2) nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme schon im Allgemeinen nicht hinreichend organisiert, weil es keine festen Zuständigkeiten für die postoperative Überwachung und deren Aufzeichnung gab. Hinzu kommt, dass es auch keine Anweisungen an sein Personal wegen der Besonderheiten der stattgefundenen Behandlung gegeben hat. Keine der beiden Schwestern des Beklagten zu 2) hat solche Anweisungen geschildert oder auch nur geäußert, dass sie von der Gabe eines Opioids und der hier stattgefundenen hohen Dosierung Kenntnis gehabt hätte (vgl. ZV Ka. , Sitzungsprotokoll vom 22. November 2001, S. 5 f. = GA Bd. I Bl. 127 f.; ZV L. , Sitzungsprotokoll vom 29. November 2001, S. 2 f. = GA Bd. I Bl. 131 f.). Sowohl in den Krankenunterlagen des Klägers als auch im vorprozessualen Schriftwechsel der Parteien bzw. ihrer Vertreter ist übereinstimmend von der „Übergabe“ des Klägers an seine Eltern unmittelbar nach Verbringen in den Aufwachraum die Rede (vgl. Patientenkartei Dr. Kn. , GA Bd. I Bl. 54; Arztbrief Dr. Kn. vom 26. Juni 1998, GA Bd. I Bl. 56; Arztbrief Kreiskrankenhaus B. vom 23. April 1998 über die Angaben der Eltern des Klägers bei Aufnahme, GA Bd. I Bl. 57; kein Bestreiten im Schreiben der Haftpflichtversicherung des Beklagten zu 2) vom 8. März 1999 GA Bd. I Bl. 43 f.). Als direktes Ergebnis fehlender Zuständigkeiten sind keinerlei laufende Aufzeichnungen über die postoperative Überwachung vorhanden. Nach diesem Beweisergebnis kann offen bleiben, ob eine entsprechende Instruktion der Zeugin Ka. angesichts des geringen Ausbildungs- und Erfahrungsstandes u.U. ohnehin nicht ausgereicht hätte. Es kann auch dahin stehen, ob der Beklagte zu 2), wie von ihm behauptet, zweimal im Abstand von zehn Minuten nach dem Kläger gesehen hätte. Denn selbst wenn der Senat die angebliche persönliche Nachschau um 10:35 Uhr und um 10:45 Uhr als wahr unterstellt, änderte dies nichts daran, dass eine kontinuierliche postoperative Überwachung nicht sicher gestellt war (so auch ausdrücklich auf Vorhalt Dr. med. Gi. , Sitzungsprotokoll vom 2. Oktober 2003, S. 4 = GA Bd. II Bl. 134). Der vorliegende Fall zeigt gerade, welche schwer wiegende Folgen eine zehnminütige Überwachungslücke haben kann; ein solches vermeidbares Risiko ist als fachärztlicher Standard nicht hinnehmbar. Insoweit bestehen auch keinerlei Unterschiede zwischen einer stationären und einer ambulanten Behandlung.

2.2. Entgegen der Behauptung des Beklagten zu 2) ereignete sich der Atem- und Kreislaufstillstand des Klägers nicht nach Abschluss der anästhesiologischen Behandlung. Die postoperative Überwachungspflicht endet erst dann, wenn die Vitalfunktionen des Patienten (Schutzreflexe, Atmung und Kreislaufregulation) vollständig wiederhergestellt sind und solche unmittelbar mit der Narkose zusammenhängende Komplikationen nicht mehr zu besorgen sind (vgl. Gutachten Dres. med. P. & Gi. , S. 9. = GA Bd. II Bl. 65; Sitzungsprotokoll S. 3 bis 5 = GA Bd. II Bl. 133 bis 135; ebenso BGH VersR 1989, 1296; OLG Düsseldorf VersR 2002, 1151). Im vorliegenden Fall bestand aus den vorgenannten Gründen auch aus ex-ante-Sicht des Beklagten zu 2) gegen 10:45 Uhr noch die Gefahr nachlassender Vigilanz (d.h. Bereitschaft zur Aufmerksamkeit) und aufkommender Atemdepression, so dass eine Fortdauer – bzw. hier nach dem Beweisergebnis eine erstmalige Aufnahme – einer kontinuierlichen postoperativen Überwachung geboten war (vgl. o.a. Gutachten S. 10 = GA Bd. II Bl. 66; o.a. Sitzungsprotokoll S. 4 f. = GA Bd. II Bl. 134 f.).


Weitere Informationen

  • Gericht: OLG Naumburg
  • Entscheidung mit Datum: Urteil vom 14.09.2004
  • Aktenzeichen: 1 U 97/03
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