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OLG Naumburg: Keine Mithaftung des Chirurgen bei Narkosefehler des Anästhesisten

Inhaltsverzeichnis

Im Einzelnen:

1. Der Beklagte zu 2) hat bei der Behandlung des Klägers am 23. April 1998 den fachärztlichen anästhesiologischen Standard fahrlässig verletzt, indem er dem Kläger während eines ambulanten Kurzeingriffs insgesamt 3 mg Rapifen ® injizierte.

Sowohl nach der (fachübergreifenden) Deutung des gerichtlichen neurologischen Sachverständigen Dr. med. B. (vgl. Gutachten vom 21. Juni 2002, S. 26 f. = GA Bd. I Bl. 168 Rs., 169) als auch nach den überzeugenden Ausführungen des Privatsachverständigen Dr. med. T. (vgl. ergänzendes Gutachten vom 29. Oktober 1999, S. 2 f = GA Bd. I Bl. 103 f.) und der gerichtlichen anästhesiologischen Sachverständigen Dr. med. P. und Dr. med. Gi. (vgl. Gutachten vom 7. April 2003, S. 5 f. = GA Bd. II Bl. 61 f. sowie Sitzungsprotokoll vom 2. Oktober 2003, S. 1 f. = GA Bd. II Bl. 131 f.) ist die beim Kläger maximal zu rechtfertigende Dosierung des vorgenannten Opioids um mehr als das Doppelte überschritten worden. Als entscheidende Anknüpfungspunkte für die Ermittlung der zulässigen Maximaldosierung beim Kläger am Operationstag haben die Sachverständigen die Körpermasse – hier 18 kg – sowie die Dauer des chirurgischen Eingriffs – hier 20 min – angegeben. Die so ermittelte Maximaldosierung von 1,1 mg (das Landgericht ist zugunsten des Beklagten zu 2) sogar von 1,5 mg ausgegangen) orientierte sich an der Verträglichkeit aus Patientensicht und schloss Nachinjektionen, z. Bsp. wegen fortbestehender Schmerzempfindlichkeit, ausdrücklich ein. Sie durfte aus keinem Grunde überschritten werden. Insoweit ist das nunmehrige Verteidigungsvorbringen des Beklagten zu 2) von der Notwendigkeit einer Nachinjektion (tatsächlich hat es ja zwei Nachinjektionen gegeben) schon unerheblich.
Darüber hinaus hält der Senat – ebenso wie die Kammer – die Behauptung von einer Schmerzreaktion auf das „Abrutschen“ eines Schneideinstruments der Beklagten zu 1) für widerlegt, weil sich für ein solches Geschehen in den Krankenunterlagen kein Anhaltspunkt findet. Die Verabreichung von Rapifen ® in regelmäßigen 5-Minuten-Abständen und in jeweils gleicher Dosis deutet vielmehr auf ein von vornherein geplantes Vorgehen hin. Der Senat folgt auch darin den vom Sachverständigen Dr. med. Gi. geäußerten Zweifeln, die sich aus der Aufzeichnung der Vitalparameter des Klägers während der Operation ergeben (vgl. Sitzungsprotokoll vom 2. Oktober 2003, S. 2 = GA Bd. II Bl. 132). Schließlich hat der Senat auch berücksichtigt, dass sich der Beklagte zu 2) erstmals mit Schriftsatz vom 5 Mai 2003, also mithin erstmals mehr als fünf Jahre nach der Operation und etwa dreieinhalb Jahre nach erstmaliger Feststellung der Überdosierung durch das Ergänzungsgutachten des Privatsachverständigen Dr. med. T. (vgl. GA Bd. I Bl. 103 f.), auf den angeblichen Fehlschnitt der Beklagten zu 1) berufen hat, ohne dass erkennbar wäre, worauf nach dieser langen Zeit die sichere Erinnerung beruhen soll. Entsprechende Aufzeichnungen hat der Beklagte zu 2) seiner Zeit nicht angefertigt.


Weitere Informationen

  • Gericht: OLG Naumburg
  • Entscheidung mit Datum: Urteil vom 14.09.2004
  • Aktenzeichen: 1 U 97/03
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