Werbung

OLG Naumburg: Keine Mithaftung des Chirurgen bei Narkosefehler des Anästhesisten

Inhaltsverzeichnis

Der Beklagte zu 2) hat darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen der Allgemeinnarkose und dem Atem- und Kreislaufstillstand des Klägers am Behandlungstag unter Hinweis auf den zeitlichen Abstand von ca. 45 Minuten zum Narkoseende in Abrede gestellt und dagegen behauptet, dass der lebensbedrohende Zustand des Klägers durch einen Krampfanfall oder das Zurückfallen der Zunge ausgelöst worden sei. Selbst wenn jedoch der Atem- und Kreislaufstillstand des Klägers durch eine engmaschigere Überwachung früher entdeckt worden wäre, wäre eine Sauerstoffunterversorgung des Klägers unvermeidbar gewesen, die die hier behaupteten Gesundheitsschäden hervorgerufen hätte.

Das Landgericht hat neben den Krankenunterlagen der Beklagten über die Behandlung des Klägers am 23. April 1998 und der Produktinformation des Herstellers von Rapifen ® (vgl. GA Bd. II Bl. 37 f.) das von der Krankenversicherung des Klägers eingeholte Gutachten des Anästhesisten Dr. med. A. T. vom 12. Februar 1999 (GA Bd. I Bl. 30 bis 34) nebst Ergänzung vom 29. Oktober 1999 (GA Bd. I Bl. 102-104) im Wege des Urkundsbeweises verwertet. Es hat die Zeugen H. - J. G. (Mitinhaber der chirurgischen Gemeinschaftspraxis), M. Ga. (Krankenschwester der Beklagten zu 1)), Ö. Ka. und A. L. (Krankenschwestern des Beklagten zu 2)) vernommen (vgl. Sitzungsprotokolle vom 22. November 2001, GA Bd. I Bl. 123 bis 129, und vom 29. November 2001, GA Bd. I Bl. 130 bis 132) allgemein zur Organisation der postoperativen Überwachung sowie zum Verlauf der Behandlung des Klägers am 23. April 1998. Die Kammer hat ein gerichtliches Gutachten der Anästhesisten Dres. med. P. und Gi. , Direktor und Oberarzt der Abteilung Anästhesiologie der Medizinischen Hochschule H. eingeholt (Gutachten vom 7. April 2003, GA Bd. II Bl. 57 bis 88), welches durch den Sachverständigen Dr. med. Gi. in der Sitzung am 2. Oktober 2003 erläutert worden ist (vgl. Sitzungsprotokoll GA Bd. II Bl. 131 bis 135), sowie ein gerichtliches Gutachten des Neurologen Dr. med. B. , des kommissarischen Leiters des Zentrums für Neurologische Medizin der Medizinischen Hochschule H. (Gutachten vom 21. Juni 2002, GA Bd. I Bl. 156 bis 171).

Wegen der weiteren Einzelheiten, insbesondere wegen der widerstreitenden Rechtsauffassungen der Parteien des Rechtsstreits und wegen des Verlaufs des Verfahrens in erster Instanz, nimmt der Senat auf die tatsächlichen Feststellungen im angefochtenen Urteil Bezug, § 540 Abs. 1 Nr. 1 ZPO.

Das Landgericht Magdeburg hat der Klage gegen beide Beklagte als Gesamtschuldner im vollen Umfange stattgegeben und diese Entscheidung im Wesentlichen darauf gestützt, dass der Beklagte zu 2) wegen eigener Behandlungsfehler, nämlich einer Überdosierung des Hypnotikums Rapifen ® während der Allgemeinnarkose sowie einer unzureichenden postoperativen Überwachung des Patienten, hafte und die Beklagte zu 1) deshalb, weil sie sich nicht „blind“ darauf habe verlassen dürfen, dass der Beklagte zu 2) alle notwendigen Vorkehrungen zu einer ordnungsgemäßen postoperativen Überwachung getroffen habe.

Die Beklagte zu 1) hat gegen das ihr am 4. November 2003 zugestellte Urteil mit einem am 19. November 2003 beim Oberlandesgericht eingegangenen Schriftsatz Berufung eingelegt und diese Berufung innerhalb der ihr insgesamt bis zum 1. März 2004 verlängerten Berufungsbegründungsfrist begründet. Sie macht insbesondere geltend, dass sie wegen der zwischen ihr und dem Beklagten zu 2) bestehenden horizontalen Arbeitsteilung grundsätzlich nicht verpflichtet sei, die anästhesiologische Behandlung des Patienten durchzuführen oder zu kontrollieren. Sie bestreitet, dass im konkreten Fall Anlass zur Besorgung einer unzureichenden Überwachung bestanden habe, weil der Beklagte zu 2) alle erforderlichen Geräte und zahlenmäßig ausreichend Personal mitgebracht habe und weil allein der Umstand, dass sich der Beklagte zu 2) nicht ständig im Aufwachraum aufhalten konnte, nicht darauf schließen lasse, dass die postoperative Überwachung nicht gewährleistet sei. Im Übrigen vermisst sie erstinstanzliche Feststellungen zur Kausalität zwischen ihrer vermeintlichen Pflichtverletzung und den vom Kläger behaupteten Schäden.


Weitere Informationen

  • Gericht: OLG Naumburg
  • Entscheidung mit Datum: Urteil vom 14.09.2004
  • Aktenzeichen: 1 U 97/03
Gelesen 12127 mal

Werbung