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OLG Naumburg: Keine Mithaftung des Chirurgen bei Narkosefehler des Anästhesisten

Inhaltsverzeichnis

Der Kläger hat behauptet, dass er aufgrund des Atem- und Kreislaufstillstandes am 23. April 1998 einen irreversiblen Hirnschaden mit erheblichen Bewegungsstörungen und fehlender Gleichgewichtsreaktion erlitten habe, dessen Auswirkungen im Wesentlichen dem Ergebnis der Entlassungsuntersuchung vom 23. Juli 1999 in Ge. entsprechen. Es sei schon jetzt absehbar, dass der Kläger wegen der Tetraparese lebenslang Orthesen werde tragen müssen und dass er weiter gehende Körperschäden erleiden werde, insbesondere an den Kniescheiben und an der Wirbelsäule. Auf Grund der erlittenen Gesundheitsschäden sei ihm der Besuch einer Regelschule verwehrt. Er werde sein ganzes Leben auf fremde Hilfe angewiesen bleiben.

Die Eltern des Klägers wendeten für Fahrtkosten, und zwar für eigene Krankenhausbesuche und für Transportkosten für die Heimfahrten des Klägers während der neurologischen Rehabilitationsbehandlung in Ge. , insgesamt 2.472,00 DM (= 1.263,91 EUR) auf.

Der Kläger hat die Auffassung vertreten, dass beide Beklagte für den Atem- und Kreislaufstillstand am 23. April 1998 und die hieraus entstandenen Schäden materiell verantwortlich seien. Er hat behauptet, dass der Beklagte zu 2) das bei der Allgemeinnarkose verwendete Hypnotikum Rapifen ® pflichtwidrig überdosiert habe und dass er es versäumt habe, eine kontinuierliche, individuelle Überwachung der Aufwachphase des Klägers nach der Operation durchzuführen oder zu veranlassen. Die Beklagte zu 1) habe nach seiner Auffassung pflichtwidrig versäumt, die Tätigkeit des Beklagten zu 2) zu überwachen; insoweit hat sich der Kläger auf Rechtsprechung zum Organisationsverschulden von Krankenhausträgern bei der Sicherstellung der postoperativen Kontrollen bezogen.

Der Kläger hat ein angemessenes Schmerzensgeld sowie die Zuerkennung einer Schmerzensgeldrente geltend gemacht, wobei er auf Grund des Ausmaßes und der Schwere seiner psychischen und physischen Schäden ein Schmerzensgeld in Höhe von 200.000,00 DM (= 102.258,37 EUR) sowie die Zuerkennung einer Schmerzensgeldrente in Höhe von monatlich 500,00 DM (=255,64 EUR) für angemessen erachtet. Er hat weiter neben dem o.g. materiellen Schaden die Feststellung der Einstandspflicht der Beklagten für Zukunftsschäden begehrt. Die Beklagten haben sich gegen die Klage verteidigt.

Die Beklagte zu 1) hat die Auffassung vertreten, dass die postoperative Überwachung des Klägers allein in den Verantwortungsbereich des Beklagten zu 2) falle. Sie habe sich – berechtigter Weise – auf eine ordnungsgemäße postoperative Nachsorge durch den Beklagten zu 2) verlassen.

Der Beklagte zu 2) hat bestritten, dass seine Behandlung nicht dem fachärztlichen Standard entsprochen habe. Nachdem die Haftpflichtversicherung des Beklagten zu 2) vorgerichtlich mit Schreiben vom 8. März 1999 die Dosierung des Rapifen ® noch als sachgerecht verteidigt hatte, hat der Beklagte zu 2) im Verlaufe des Rechtsstreits eingeräumt, dass die Dosierung ungewöhnlich hoch sei und dies damit gerechtfertigt, dass der Beklagten zu 1) beim operativen Eingriff das Schnittinstrument abgerutscht sei und der Fehlschnitt eine heftige Schmerzreaktion beim Kläger ausgelöst habe, die wiederum eine zusätzliche Gabe des Opioid Rapifen ® erforderlich gemacht habe. In der postoperativen Phase sei ein apparatives Monitoring medizinisch nicht geboten gewesen.


Weitere Informationen

  • Gericht: OLG Naumburg
  • Entscheidung mit Datum: Urteil vom 14.09.2004
  • Aktenzeichen: 1 U 97/03
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